DIY 2.0

Juli 2009/1

Im Mittelalter war Handarbeit noch eine Notwendigkeit: Wolle musste gesponnen, zu Socken gestrickt, und diese wiederum regelmäßig geflickt werden. Und ähnlich viel Arbeit bereiteten alle anderen Kleidungsstücke, Werkzeuge, Einrichtungsgegenstände. Das wurde damals bestimmt nicht als großer Spaß empfunden. Und prägt doch irgendwie unsere Vorstellung von dieser Zeit: Wie am Abend der warme, vom Holzofen beheizte Wohnraum gefüllt ist von der gesamten, generationenübergreifenden Familie, jeder vertieft in seine Arbeit.

Fünfhundert Jahre später (1960) sieht das Bild vor Augen ganz anders aus: Die Familie, nach dem Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie auf vier Personen zusammengeschrumpft, sitzt vor dem Fernseher, und in den Händen… nichts, bestenfalls Chips und Erdnussflips. Die Maschinen hatten die Handarbeit abgenommen, oder weggenommen? Und damit auch den Menschen ihre Individualität.

In den 70ern haben sich die Ersten in Großbritannien diese zurückgeholt. Sie steckten zwei Stofffetzen mit Sicherheitsnadeln zusammen, und trugen das Gebilde als T-Shirt. Das waren Malcom McLaren und Vivien Westwood, und sie nannten ihre Einstellung do it yourself. Nach und nach eigneten sie sich Fertigkeiten in der Textilverarbeitung an, und beeinflussten die Mode damit wesentlich. Viele Designer, deren Kleidungsstücke heute bei h&m hängen, sind von ihren Arbeiten inspiriert worden.

Mittlerweile ist do it yourself ein Massenphänomen. Durch den Fortschritt der Technik ist es der Mehrheit möglich, am Computer Texte zu schreiben, Fotografien zu bearbeiten, Kollagen und Flyer in photoshop zu designen, Musik aufzunehmen und nachzubearbeiten. Und das alles auf hohem Niveau. Doch auch bei abgeschaltetem Computer lässt es sich kreativ sein: Beim Nähen von eigenen Kleidungsstücken, zimmern von Möbeln, bemalen von Stoffen.

Durch das Internet und ihrer Evolution zum web 2.0 besteht jetzt auch die Möglichkeit, die von sich selbst so geschätzten Werke im Internet zu präsentieren. So lässt sich dem Geltungsdrang Luft machen. Oder er befeuert am Ende noch, dass immer mehr Fotos auf flickr hochgeladen, Selbstgenähtes bei dawanda angeboten, und blogs geschrieben werden, weil der Mensch irgendwie die Aufmerksamkeit und die Selbstbestätigung sucht. Und am liebsten auch vom hohen Wert ihrer Werke profitieren will. Doch dann stellt sich die Frage: Wer soll die ganzen Fotos anschauen? Wer soll die ganze Musik hören? Wer soll die ganzen T-Shirts kaufen? Wer soll all die blogs wie diesen lesen? Oder am Ende noch Geld dafür bezahlen? Und was sind die Leistungen noch wert, wenn Millionen auf ähnlichem Niveau produzieren? Auf was kann man dann noch stolz sein?