Der Wert der Arbeit

Es gibt nur wenige Themen, die so polarisieren wie die Einführung eines Mindestlohns. Vielleicht noch Atomstrom und Gentechnik, sonst fällt mir aber nichts mehr ein. Das Totschlagargument dagegen ist die Erwartung, dass sie die Arbeitslosigkeit ansteigen lassen würde. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist das richtig. Auf dem freien Markt stellt sich ein Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage ein. Werden die Lohnkosten gesetzlich festgelegt, würde die Nachfrage danach sinken, und deshalb die Arbeitslosigkeit steigen. Dagegen zu argumentieren, dass es weder in Frankreich noch in Großbritannien trotz Mindestlohn nicht dazu gekommen ist, ist nicht ganz sauber. In Frankreich wird der relativ hohe Mindestlohn um acht Euro pro Stunde als Grund für die hohe Jugendarbeitslosigkeit gesehen, der Mindestlohn in England hingegen ist so niedrig, dass er nur einen sehr geringen Anteil der Arbeitnehmer betrifft.

Wie er die Arbeitslosenzahlen beeinflussen wird, ist also noch nicht vorherzusehen. Vielleicht würden Firmen die Arbeit in Ländern verrichten lassen, in denen die Lohnkosten viel geringer sind als hier. Vielleicht aber würden Firmen so stark vom wachsenden Einkommen der Bevölkerung profitieren, (denn niedrigere Lohngruppen neigen dazu, jeden weiteren verdienten Euro sofort wieder auszugeben, wohingegen Reichere ihn lieber auf die Bank tragen), dass sogar neue Arbeitsplätze entstehen würden. So könnte die Binnenwirtschaft angekurbelt werden, die in Deutschland im Vergleich zum Export eh zu schwach ist, und einen Aufschwung auslösen.

Beide Szenarien sind denkbar, letztendlich sind beide unerheblich. Denn eigentlich geht es um viel mehr als nur die wirtschaftliche Situation. Es geht um ein grundsätzliches Menschenrecht. Wenn ein Mensch jeden Wochentag des Monats im Durchschnitt acht Stunden mit Arbeit verbringt, dann muss diese ihm ermöglichen, in seinem Land ein menschenwürdiges Leben zu führen. Und das unabhängig von seinem Bildungsstand und Intellekt. Allein ein Mensch zu sein muss als Voraussetzung gelten. Unterstützungsgeld, das der Staat beisteuert, um ein für ein menschwürdiges Leben trotz ausbeuterischer Bezahlung zu sorgen, ist erniedrigend und deshalb auch keine Lösung.

Doch dieses Menschenrecht durch eine gesetzliche Vorordnung gegen den Willen eines größeren Bevölkerungsteils durchzusetzen, ist irgendwie auch nicht der richtige Weg. Zu hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er als Rechtfertigung für alle Probleme der Neoliberalen herhalten muss. Außerdem wird man ewig durch die Dörfer tingeln und dafür werben können und doch nie alle überzeugen. Die Schweizer zeigen einen weiteren Lösungsweg auf. Dort ist es Praxis, bei diskriminierender Bezahlung vor Gericht zu ziehen und einen gerechten Lohn zu erstreiten. Würde man auch den Deutschen diese Möglichkeit geben, könnte über diesen Umweg ein menschenwürdiger Lohn durchgesetzt werden, ohne dass das Teufelswort Mindestlohn fällt.