Die Zukunft_03: Musik

Musik hat keine Zukunft, wird es einfach nicht mehr geben, so einfach weg, Stille überall. Das jedenfalls behauptet der Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie, Dieter Gorny. Wie soll es denn dazu kommen? Er prognostiziert, dass wohl alle Musiker aus finanziellen Gründen den Betrieb einstellen werden, wenn sich an der Zahlungsmoral der Hörer nichts ändern würde. Diese müsste man durch hohe Strafen erzwingen. Das kann man zwar als Gejammer eines Lobbyisten interpretieren, wenn man daran denkt, dass im Jahr 2008 immer noch 230 Mio. Tonträger verkauft wurden, Alben oft zu Preisen um die 16 Euro. Der Umsatz lag bei 1.500 Mio. Euro. Die Musikindustrie setzt also immer noch eine Menge um, nur die dicke Party, wie sie sehr lange Zeit gefeiert wurde, ist vorbei. Es trifft also hauptsächlich eine Industrie und deren Management, was einem erstmal egal sein kann.

Wären da nicht auch die Künstler betroffen, und das schon sein langem. Von den Titeln, die letztes Jahr neu veröffentlicht worden sind, haben sich fast 99 Prozent nicht so gut verkauft, dass die Künstler von den Verkäufen leben könnten, und fast 95 Prozent davon haben sich nicht so gut verkauft, dass die Grundausgaben für die Aufnahmen gedeckt werden konnten.

Durch die Erfindung und Verbreitung des Radios war die Musikindustrie in den 20er Jahren in einer viel schlimmeren Krise, als sie es heute ist. Die Umsätze vielen auf knapp 6% der guten Zeiten. Doch statt nur zu jammern ergriffen sie konkrete Maßnahmen: „1. Der Preis für das in die Jahre gekommene Format Schellack wurde von 75 auf 35 Cent gesenkt, 2. mit HiFi wurde eine technische Innovation forciert, 3. mit dem Senderecht und einen Einigungszwang für Vergütung zwischen Radioveranstaltern und Urheber- und Leistungsschutzrechtsinhabern wurde vom Gesetzgeber Planungssicherheit und ein wirtschaftlicher Ausgleich geschaffen. In der Folge wurde die kranke Musikwirtschaft zur globalen Erfolgsstory mit traumhaften Zugwachsraten.“

Das Plattenvertriebsmodel wurde in den 70ern durchkalkuliert. Damals gab es noch, was es schon einige Jahre nicht mehr gibt, nämlich Superstars, die hunderttausende Platten verkaufen. Die Aufnahmen im Studio waren noch sehr teuer, die Auswahl an Musik war also begrenzt, und so konnte jeder einzelne Interpret viele Platten verkaufen. Erst nach und nach verbreiterte sich das Spektrum, Nischenbands entstanden, und machten sich gegenseitig Konkurrenz. Durch die Digitalisierung wurden Aufnahmen im Studio und Marketing im Internet billiger, und die Gesellschaft, die sich immer weiter individualisierte, war auf der Suche nicht nach irgendeiner, sondern nach ihrer Musik. Doch das Geschäft ging nicht mehr auf, und die Musiker können nicht mehr richtig davon leben.

Ein neues Honorarsystem muss also her, das den Veränderungen seit den 70ern gerecht wird. Bei der verwandten Kunst, dem Schreiben, scheint noch alles im Lot zu sein (wobei da die Digitalisierung noch nicht vollzogen ist, und niemand sagen kann, wie die Verlagswelt wohl in fünf Jahren aussieht). Ähnlich sind vor allem hohe, sogar geschützte, Preise.

Ich gehöre zu den Musiknomaden, die Bands für sich entdecken, abgrasen, und weiter ziehen, wenn sie alles gehört haben. Die mir verwandte Leseratte kann ihren Hunger günstig und legal stillen. In einer großen Bibliothek bekommt sie für circa 20 Euro im Jahr Zugang zu mehr Büchern als sie jemals lesen kann. Ein ähnliches Model wird auch seit längerem für den Musikmarkt diskutiert. Bei einer Musikflatrate dürfte der Abonnent für einen bestimmten Betrag so viel hören, wie er will. Realistisch sind allerdings eher Beträge von 20 Euro im Monat. (Ist Musik also zwölf Mal wertvoller als Geschriebenes?)

Der Dienst spotify ist mittlerweile ein Vorreiter bei den Musikflatrates. Er wurde dieser durch einen hohen Komfort für die Nutzer: Es lassen sich Playlists zusammen stellen, die Musik auch offline hören und am allerwichtigsten, das Programm läuft (bald) auch auf dem iPhone und Android Handys. Für 15 Euro im Monat kann man so viel Musik wie man will hören, unterwegs, am Computer und an der Stereoanlage im Wohnzimmer.

Man kann es aber auch so sehen: Jetzt zahlt man schon so viel Geld im Monat, und hält nicht mal was von dem in der Hand, was man da kauft, und es verschwindet, sobald das Abo gekündigt ist. Wer darauf nicht verzichten will, wird wohl auch in Zukunft Preise von mindestens 16 Euro pro Album zahlen müssen. Und das ist, glaube ich, das Problem. Die Zahlungsbereitschaft für Musik hat abgenommen, weil es noch so viele andere Dinge gibt, die vor allem Jugendliche mit ihrem Geld bezahlen müssen, wie Handy und Internet. Die Plattenfirmen müssen einfach einsehen, dass sie so hohe Preise nicht erzwingen können. Man müsste sich in der Mitte treffen, bei vielleicht 10 Euro pro Album. Oder mehr fürs Geld bieten, wie Poster, Hintergrundinformationen, Videos. Dann würden sie, aber auch die Künstler wieder von ihrem Beruf leben können.

Quellen
http://news.cnet.com/8301-13526_3-10369956-27.html?part=rss&tag=feed&subj=DigitalNoise:MusicandTech
http://www.motor.de/motorblog/tim.renner/tim_renner_das_ende_der_krise_der_musikwirtschaft.html
http://www.musikindustrie.de/presse_grafiken0/