apple und wir

Jedes Jahrzehnt hat ihren Musikspieler: 70er der Plattenspieler, 80er der Walkman, 90er der CD-Player und für die 00er Jahre, naja, sie sind noch nicht ganz vorbei, aber wahrscheinlich wird es der iPod sein.

Er qualifiziert sich durch die Veränderungen, die er mit sich brachte, für die Besitzer, und für die gesamte Musikbranche. Zwar konnte man schon mit dem Walkman und dem CD-Player unterwegs Musik hören, doch im Gegensatz zu den CD Playern sieht er zusammen mit den weißen Kopfhörern sehr gut aus. Mit dem Touch Wheel, das fast schon wieder in Vergessenheit geraten ist, fand man sich auch in größeren Musiksammlungen zurecht. Auf den iPod passt Musik für jede Stimmung. Und dazu brauchte braucht man nicht das ganze Album einer Band. Darauf sind meist eh nur ein paar Glanzstücke zu finden, mit einigem Füllmaterial dazwischen. Die Vorgehensweise der Bands, 12 Lieder zu schreiben und zu einem Album zu schnüren, wurde irgendwie sinnlos und in Frage gestellt. Sollten Bands in Zukunft nur noch Singles auf den Markt bringen? Und alles Halbfertige und Mittelmäßige gar nicht an die Öffentlichkeit bringen? Auf die Antwort werden wir noch ein paar Jahre warten müssen.

Geschickt war Apple auch beim Vertrieb. Sie verdienten nicht nur an der Hardware, sondern auch an jedem Lied, das über ihren Musikladen im Internet heruntergeladen wurde. So machte der iPod mit einer Anschaffung den Kauf weiterer materieller Dinge unnötig. Der iPod ist nur noch Abspielgerät für das wirklich Wertvolle, die Musik.

Doch nicht nur Käufer des Appleprodukts profitierten von diesen Innovationen. Der Verkauf von mp3 Playern wurde zum Massenmarkt, den Firmen in allen Preissegmenten bedienten. Auf diese Weise konnte sich jeder, der gerne einen mp3 Player besitzen wollte, einen leisten. Er brachte also eine Verbesserung nicht nur für eine finanziell bessergestellte Minderheit, sondern für die ganze Gesellschaft.

Und gerade zeichnet sich schon ab, was das Gerät des nächsten Jahrzehnts sein wird. Das iPhone. Apple gelingt damit das Kunststück, den Erfolg und die Prinzipien, die dem iPod zugrunde liegen, zu wiederholen. Das iPhone ist eigentlich nur ein iPod auf dem aktuellen technischen Stand. Die innovative Bedienung durch das Touchscreen, das minimalistische, edle Design. Und wieder verdient Apple nicht nur an der Hardware, sondern ist gleich in den Vertrieb eingestiegen. Im Appstore lassen sich Zusatzprogramme finden, mit denen die Möglichkeiten der Hardware ausgereizt werden. Das iPhone ist also wieder nur Abspielgerät für das eigentlich Wertvolle: Die Programme darauf.

Anwendungen des web 2.0 brachten den Menschen Möglichkeiten, die ihr Leben irgendwie vereinfachten. Es wurde leichter, Musik zu finden, die dem eigenen Geschmack entspricht, objektive Fakten zu recherchieren, sich bei der Kaufentscheidung von anderen Nutzern beraten zu lassen. Allerdings war man dazu immer an den Computer gefesselt, der meistens in eher kleinen, dunklen Räumen zu finden ist.

Mit dem iPhone nimmt man die Möglichkeiten, die das web 2.0 bieten, mit nach draußen. Und durch den GPS Empfänger kommen noch eine Menge Neuer hinzu. Interessant ist beispielsweise, sich die Angebote in der Umgebung wie Museen, Läden, Cafés oder Ort und Zeit einer Demonstration anzeigen zu lassen. Die Nutzer können diese Angebote nun viel einfacher wahr- und annehmen. Die Umwelt würde zu einer Art Computerspiel werden, durch das man vom iPhone geleitet wird. Man könnte Radtouren unternehmen, ohne vorher die Route akribisch zu planen. Sie würde aus Streckenabschnitten zusammen gebastelt sein, die anderer Radfahrer vorher als empfehlenswert bewertet haben. Und währenddessen die Geschichte der Orte erfahren, die man durchquert, oder das Brutverhalten der Vögel, die am Wegrand nisten. Und in Wirtschaften einkehren, die eine hohe Nutzerzufriedenheit vorweisen können. Kurz gesagt, das iPhone macht aus ihren Nutzern aktivere Menschen.

Ähm, wirklich? Vielleicht tritt das Gegenteil ein. Vielleicht genügt es den Menschen, ihre Möglichkeiten zu kennen, um sich dann doch nur durch facebook zu klicken. Denn ohne Motivation kein Handeln. Problematisch ist auch die Wirkung der anderen Bewertungen. Einmal gelesen, kann man sich deren Wirkung kaum entziehen. Wer in ein Wirtshaus mit schlechten Bewertungen einkehrt, findet die Mahlzeit bestenfalls „gar nicht so schlecht“, wahrscheinlich aber „hätte ich ja wissen können“, dass das Essen mies ist. Hinzu kommt, dass die Leute sich eher zu Wort melden, wenn sie unzufrieden sind. Oder der gefeurte Kellner will seiner Wut Luft machen. Der Wirt gibt sich zwar über seine Gerichte begeistert, objektiver wird das Bild im Netz dadurch allerdings nicht, und wird es auch nicht mehr werden.

Sicher ist, dass das iPhone und seine Imitate den Massenmarkt erobern und unsere Gesellschaft so stark verändern wird, wie der Heimcomputer es getan hat. Und ich bin gespannt, wie diese Veränderungen aussehen werden. Vorerst will ich es noch ohne durchs Leben schaffen.