Die Zukunft_04: Stadt

Jahrzehnte lang zogen die Menschen in Mitteleuropa von der Stadt aufs Land, denn dort schienen all ihre Wünsche in Erfüllung zu gehen: Niedrige Grundstückpreise erlaubten den Bau von großzügig dimensionierten Häuser mit Gärten zum Grillen. Kinder konnten zusammen mit anderen netten Nachbarskindern in die Schule gehen, denn auf dem Land ist es sicher. Dass der Vater der Familie jeden Tag eine größere Entfernung zu seinem Arbeitsplatz überwinden musste, war nicht schlimm, denn die Straßen waren gut ausgebaut und der Staat unterstützte sie bei den hohen Benzinkosten durch die Pendlerpauschale. Doch schon bald dürfte sich die Flussrichtung umkehren, denn verschiedene Entwicklungen kratzen am Bild des Landlebens.

Zum einen stehen steigende Transportkosten diesem Idyllischen Leben im Weg. Nicht nur, dass steigende Benzinpreise das Haushaltsbudget mindern. Auch alle anderen Dinge wie Lebensmittel müssen auf das Land hinaus gebracht werden, und das wird zunehmend teuer. Neben den Benzinkosten muss ein großes Straßennetz in Schuss gehalten werden. Doch auch an einer anderen Stelle wird viel Energie verschwendet: Die meiste Energie verlieren Häuser über die Außenwände, und ein Einfamilienhaus hat gleich vier davon.

Zum anderen basiert das Landleben auf einer klar definierten Rollenverteilung: Der Vater fährt zum Geldverdienen in die Stadt, während die Mutter den Haushalt führt und sich um die Erziehung der Kinder kümmert. Mit dem Zweitwagen fährt sie Söhne und Töchter vom Klavierunterricht zum Kinderturnen. Mit vierzehn Jahren wären die Kinder alt genug, die Welt selbst zu entdecken, wäre der nächste Bahnhof nicht fünfzehn Autominuten entfernt und würde der Bus in die nächste Stadt nur zweimal am Tag gehen. So bleibt ihnen nichts anderes übrig, mit dem Roller über Feldwege zu brettern, eine Hütte zum Feiern zu bauen und dem Autoführerschein entgegenzusehnen. Halten sie den in der Hand, könnte die Mutter sich wieder einen Job suchen, was sie vielleicht gerne täte, gäbe es Stellenangebote am Ort. In Zukunft wird sich die Gesellschaft nicht mehr leisten können, vielen Frauen eine gute Ausbildung zu finanzieren (dreiviertel der Studenten sind weiblich), um ihnen dann den Zugang zur Erwerbstätigkeit zu verwehren.

Doch die Städte der Gegenwart sind weit davon entfernt, die Lösung auf oben genannte Probleme zu sein, im Gegenteil, auch dort muss sich viel verändern. Was beim Bau der Häuser in der Stadt nicht genügend berücksichtigt wird, ist die Tatsache, dass sie wahrscheinlich über ein halbes Jahrhundert stehen bleiben und große Veränderungen am Gebäude in dieser Zeit nur schwer möglich sind. Folglich müssen sie schon die Bedingungen erfüllen, die erst in 50 Jahren gelten. Das bedeutet mit möglichst wenig also keiner Energie auszukommen (hochwertige Dämmmaterialien und intelligente Stromzähler), Platz für Fahrräder, Mietwägen in der Kellergarage, Zugang zu einem engmaschigen Nahverkehrsnetz und zu Grünflächen. Doch von allein wird es nicht so weit kommen. Der Staat muss durch finanzielle Unterstützung und Vorschriften die nötigen Anreize schaffen und die Stadt wird die Zukunft sein.