Rauchen und Schießen

Die Bundesregierung hat beschlossen, den subventionierten Energieverbauch der Unternehmen beizubehalten und stattdessen lieber die Tabaksteuer zu erhöhen. Bis 2015 soll der Preis pro Schachtel um 15 Cent steigen und dann zu Mehreinnahmen von einer Milliarde Euro führen. In den Zeitungen melden sich sofort die Kulturredakteure, selbst der hartnäckigen Sucht verfallen, und beklagen das Ende des Hedonismus/ des Genusses/ der Freiheit.

Viele Kriminelle lassen ihr Leben bei Schusswechseln mit der Polizei. Kein Wunder, die Polizisten sind besser ausgebildet, ausgerüstet und organisiert. Doch auch die Gangster tragen einen Teil zu ihrer Niederlage bei: Oft drehen sie ihr Schießeisen um 180 Grad, so wie es in vielen Hollywoodfilmen zu sehen ist. Dadurch senken sie ihre Schussgenauigkeit und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, selbst eine tödliche Kugel abzubekommen. Wenn ich schon sterbe, möchte ich dabei wenigstens cool aussehen, scheinen sie sich zu denken, und das ist irgendwie schon tragisch. Trotzdem werden sie wahrscheinlich feststellen: Schusswechsel sind in der Realität leider nicht so cool wie im Film. Es fehlen die Bässe, die Zeitlupe und vor allem der richtige Blickwinkel. In keinem Film sieht man die Perspektive des Schützen. Stattdessen wird er gern von unten und in Weitwinkel aufgenommen, was ziemlich heroisch aussieht. Da kann die Realität nicht mithalten.

Dieses Phänomen kann man genau so beim Rauchen beobachten. Wie sich der Genuss einer Zigarette anfühlt, lässt sich zwar in der Realität leichter ausprobieren und es nimmt niemand anderes Schaden als man selbst,  doch die Enttäuschung ist ähnlich groß. Deshalb ist es nicht nachvollziehbar, warum das Rauchen auch im Alltag mit so einer Bedeutung aufgeladen wird. Alles nur Kopfkino mit dem Zusammenschnitt der besten Szenen. Und damit will ich nicht fordern, den Besitz von Zigaretten wie den von Schusswaffen zu verbieten. Es gibt nur keinen Grund traurig zu sein, wenn man es sich nicht mehr leisten kann.

Ganz anders im Kino. Dort lassen sich um den Gebrauch von Waffen und Rauchmitteln die besten Geschichten erzählen und die schönsten Bilder einfangen. Am Drumherum wie dem zittrigen aus der Packung Fingern der Zigarette lassen sich die Konflikte der Charaktere darstellen und lösen. Rauchen und Schießen gehört ins Kino.

November 2010/1