Die gesellschaftliche Herausforderung der Automatisierung

Es gibt viele Theorien darüber, wie Donald Trump die Wahl gewinnen konnte. Keine allein bietet eine vollständige Erklärung. Eine lautet, dass die Abgehängten ihn ins Amt hoben. Er gab ihnen das Gefühl, dass er ihre Sorgen verstand und lindern würde. Rettung sehen sie nicht in der Zukunft, in technologischem Fortschritt und allgemeiner Progressivität, sondern in der Vergangenheit, darin, den Zustand der 60er Jahre wiederherzustellen. Überrascht wurden die Demokraten und die liberale Weltgemeinschaft von deren Anzahl, schien es doch in den letzten Jahren für alle aufwärts zu gehen.

Aus meiner Sicht sind die letzten Wahl-Ereignisse eine Folge der fortschreitenden Automatisierung, die wiederum eine direkte Folge des technischen Fortschritts ist, der durch Globalisierung beschleunigt wird. Wir brauchen den technologischen Fortschritt inklusive Automatisierung, um als Spezies nicht unterzugehen, zur selben Zeit müssen wir verhindern, dass er unsere Gesellschaft spaltet – diese Gleichzeitigkeit ist eine große Herausforderung. Die Zusammenhänge möchte ich in diesem Artikel beleuchten.

Adam Smith und David Ricardo bewiesen um 1800 theoretisch, dass es bei freiem Handel und Arbeitsteilung (Spezialisierung) das Wohlergehen aller Mitglieder einer Gesellschaft höher ist. Die darauf folgenden zwei Jahrhunderte zeigten es in der Praxis. Anschauliche Zahlen dazu lieferte der kürzlich verstorbene Hans Rosling1. Die Globalisierung holte weltweit hunderte Millionen Menschen aus der Armut. Jeden Tag entkommen 130 000 Menschen extremer Armut2. Durch den globalen Handel wurde Geld in alle Teile der Welt getragen und aktivierte dort Fortschritt, der auch die Automatisierung vorantrieb.

Doch nicht alle gewannen. Wer seinen Job aufgrund von Produktionsverlagerung oder später Automatisierung verlor, konnte sich schwer darüber freuen, dass alle Produkte um ein vielfaches billiger wurden. Man gewöhnte sich schnell daran, dass beispielsweise Fernseher deutlich weniger kosteten als die Jahre zuvor. Der Fortschritt wurde als selbstverständlich empfunden, während die Wachstumsschmerzen – wie Arbeitslosigkeit – dem freien Handel zugeordnet wurden. Das Wahlergebnis zeigt uns, dass Globalisierung/ Spezialisierung und Verlagerung von Arbeit, zwar weltweit Wohlstand und Fortschritt bringt, aber vor allem in den Industrieländern auch viele Menschen den Boden unter den Füßen verlieren.

Der weltweite Wettbewerb beschleunigt Fortschritt, sorgt aber auch für Gewinner und Verlierer. So wie sich Unternehmen im Wettbewerb auf bestimmte Fähigkeiten fokussieren, so tun es Staaten: Es bilden sich Cluster, in denen sich ähnliche Unternehmen ansiedeln, die sich gegenseitig austauschen und anspornen und so einen Vorsprung zu ihrer Konkurrenz an anderen Orten herausarbeiten. Der Vorsprung schlägt sich in höheren Gewinnmargen nieder, die wiederumzu höheren Löhnen führt. Folglich profitieren diejenigen Arbeitnehmer am meisten von der Globalisierung, die in den maximal-wertschaffenden Clustern/ Unternehmen arbeiten. Für Deutschland liegt ein Beispiel auf der Hand – die Automobilbranche – wobei dort die bisherigen Kernkompetenzen Verbrennungsmotor und Fertigung ersetzt werden durch Elektrotechnik und Software, weshalb die in diesen Feldern führenden Clusters Silicon-Valley und Shenzen in China als Hub für Elektrobauteile die Branche unter Druck setzen (Ausgang offen).

Automatisierung reduziert mehr noch als Job Verlagerung für einen sinkenden Bedarf nach Arbeitskräften. Zwar stieg die Produktivität in den letzten Jahren kaum an, dennoch vernichtete sie noch mehr Jobs als die Globalisierung. „Wissenschaftler wie Daron Acemoglu, David Autor und andere schätzen, dass von den 5,8 Millionen Stellen im verarbeitenden Gewerbe, die zwischen 1999 und 2011 verloren gingen, lediglich 1 Million nach China gehen. […] Der Beitrag der Automobilindustrie zu US Wirtschaftsleistung etwa sank seit 1994 um rund 10 % – gleichzeitig schrumpfte die Zahl der Beschäftigten dort um 30 %.“3

Künftig sind alle Routine-Tätigkeiten von Automatisierung bedroht. Damit Roboter sie ausführen können, ist für jede Tätigkeit allerdings ein hoher Aufwand notwendig. Dies ist nur dann wirtschaftlich effizient, wenn ein lukrativer Markt damit erschlossen werden kann. Das führt dazu, dass Märkte, in denen viele Beschäftigte die selben Tätigkeiten ausführen, zuerst automatisiert werden. So werden in kurzer Zeit viele Angestellte von Automatisierung betroffen sein.

Eine der ersten und gleichzeitig größten Arbeitsgebiete, die durch Automatisierung umgekrempelt werden, ist die des Transports (Taxifahrer, LKW-Fahrer, etc.). In dieser Branche sind die meisten Menschen beschäftigt, folglich ist der Markt der weltweit attraktivste. Dies erklärt die enormen Summen, die aktuell von Autoherstellern, Zulieferbetrieben, Internetkonzernen und Forschungseinrichtungen in autonomes Fahren investiert werden.

In den bisherigen technischen Revolutionen [1] konnten Arbeiter von einer Tätigkeit, die von Maschinen ersetzt wurde, in die nächste wechseln, da sie einfach zu erlernen war. Was die kommende technische Revolution von den bisherigen unterscheidet, ist die „Intelligenz“ der Maschinen: Da sie selbst neue Tätigkeiten erlernen können, werden sie nach und nach alle einfachen Aufgaben übernehmen und keine für die Menschen übrig sein.

Der Mensch wird gebraucht, wenn die Maschinen stecken bleiben, zum Beispiel wenn unterschiedliche Schnittstellen, verworrene Zusammenhänge und fehlerhafte Algorithmen zu Chaos führen. Durch Globalisierung und technischem Fortschritt wird Komplexität zunehmen und der Bedarf nach Arbeitskräften für nicht-routine Arbeit steigen. Diese Stellen werden anspruchsvoller und folglich für wenige Menschen ausführbar. Hohe Arbeitsbelastung (auch Arbeitszeit) bei hoher finanzieller Entschädigung werden für diejenigen, die diesen Tätigkeiten gewachsen sind, die Folge sein. Es ist zu befürchten, dass sich in dieser Situation diejenigen als Verlierer fühlen werden, die keine passende Stelle finden, aber auch diejenigen, die, zwar hoch entlohnt, dafür für viele Stunden arbeiten müssen.

Zwei Vorschläge werden angesichts dieser Herausforderung als Lösung genannt: Das Einführen von Zöllen und bedingungslose Grundeinkommen. Warum ich beide nicht für wirksam halte, möchte ich kurz darlegen.

Zölle erscheinen als einfache Lösung, doch sind sie nur kurzfristig wirksam. Langfristig eröffnen sie eine Abwärtsspirale: Zölle sorgen dafür, dass Arbeitsplätze im isolierten Land entstehen, bezahlt durch die gleichzeitig steigenden Preise. Ziehen die Nachbarländer nach, wird der Handel zwischen den Ländern behindert, was beidseitig Arbeitsplätze reduziert. Würde man die Zölle weiter anheben, würde sich der Trend verstärken. Ziehen die Nachbarländer nicht nach, wird sich der Wert der Währung erhöhen, damit wird der Export verringert, mit dem selben Ergebnis abnehmender Arbeitsplätze. Zusammengefasst führen Zölle zu einer von den Bürgern bezahlten Ineffizienz und letztendlich zum Kollaps der nationalen Wirtschaft.

Die Herausforderung beim bedingungslosen Grundeinkommen liegt in der Festsetzung des Betrags, der an die Bürger ausgezahlt wird. Wenn Amerikaner von bedingungslosen Grundeinkommen sprechen, dann liegt er auf dem Niveau zur Sicherung der Existenz. Nach dieser Definition haben wir in Deutschland durch Harz 4 bereits ein Grundeinkommen. Wäre der Betrag höher, beispielsweise 1000 Euro pro Monat, würde man das Problem durch die Schaffung von Ineffizienz lösen: Es wäre eine Art Beschäftigungstherapie, durch die Menschen Dinge schaffen können, für die es eigentlich keine Nachfrage gibt (sonst wäre es ja schon heute möglich, dieser Beschäftigung nachzugehen). Der Markt sorgt dafür, dass tatsächlich sinnvolle Arbeit verrichtet wird. Außerdem besteht die Gefahr, dass das zusätzliche Geld schnell verpufft: Die Bürger könnten für alle limitierten Produkte wie Mieten mehr Geld ausgeben und wären daher bereit, mehr zu zahlen. Es wäre wahrscheinlich, dass die Mieten in Großstädten um 1000 Euro pro Monat steigen. Letztendlich würden das Grundeinkommen bei denjenigen landen, die die limitierten Produkte herstellen/ verkaufen/ vermieten. Des weiteren ist die Finanzierung des Grundeinkommens aus meiner Sicht nicht lösbar.

Technischer Fortschritt wird zu einer fortschreitenden Automatisierung führen, die unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen stellt: Menschen ohne Arbeit sind innerlich verzweifelt und verzweifelte Menschen treffen keine guten Entscheidungen. Die Entwicklung aufzuhalten oder in die 60er Jahre zurückzudrehen ist weder möglich noch wünschenswert: Wir brauchen den technischen Fortschritt, um die Lebensgrundlage nicht zu zerstören und das Wohlergehen der Menschen weltweit zu steigern. Was könnten also Lösungen sein? Aus meiner Sicht sind es nicht die großen Hämmer wie Zölle und bedingungsloses Grundeinkommen, sondern kleine Justierungen, die unsere Gesellschaft stärker machen werden:

Die Automatisierung wird dazu führen, dass sich die Verteilung von Einnahmen auf Kapital und Arbeit zugunsten des Kapital verschieben wird. Um dies auszugleichen, sollten die Einnahmen aus Kapitalerträgen genau so wie die aus Arbeit (Lohn) besteuert werden.

Gleichzeitig sollten die Löhne in sozialen Berufen steigen, da in diesem Sektor langfristig viele Menschen arbeiten können.

Es werden noch viele weitere Ideen und Maßnahmen notwendig sein – ich denke an flexiblere Arbeitszeiten, damit die durchschnittliche Arbeitszeit sinkt, an Bildungsangebote für alle Interessierten, lebenslang ihre Kompetenzen zu stärken – um den Übergang zu meistern, ohne auf dem Weg den Frieden zu gefährden.

Wir brauchen eine Wirtschaft, in der jeder Mensch gebraucht und jeder Mensch wertgeschätzt wird.4

[1] „Die erste industrielle Revolution bestand in der Mechanisierung mit Wasser- und Dampfkraft, darauf folgte die zweite industrielle Revolution: Massenfertigung mit Hilfe von Fließbändern und elektrischer Energie, daran anschließend die dritte industrielle Revolution oder digitale Revolution mit Einsatz von Elektronik und IT zur Automatisierung der Produktion.“5


  1. https://www.ted.com/talks/hans_rosling_shows_the_best_stats_you_ve_ever_seen 

  2. https://ourworldindata.org/a-history-of-global-living-conditions-in-5-charts/ 

  3. sz, Datum folgt 

  4. nach James Robinson, Professor an der University of Chicago, http://freakonomics.com/podcast/earth-2-0-income-inequality/ 

  5. http://www.its-owl.de/industrie-40/evolution-statt-revolution/